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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Operation gelungen – Chor lebt!

NÜRNBERG (9. März 2012). Mit welchen Wünschen und Hoffnungen, vielleicht ja auch Befürchtungen hatte man die Nürnberger Kirche St. Lorenz betreten? Schließlich stand mit Martin Lehmann ein neuer Künstlerischer Leiter vor dem Windsbacher Knabenchor.

Da war die Dramaturgie der Motette sicherlich hilfreich: Sie begann gewohnt mit einem Orgelwerk, mit dem h-moll-Präludium aus BWV 544 von Johann Sebastian Bach, gespielt von Matthias Ank.

Und dann Max Reger: „O Lamm Gottes, unschuldig“. Martin Lehmann wählt hier einen langsamen Duktus, eine dezente Dynamik, die sich auf einer schönen Bassgrundierung ausbreitet. Bewegter fällt bereits die Choral-Motette „Das Blut Jesu Christi“ von Bach-Onkel Johann Michael aus. Die Textverständlichkeit ist gegeben, der Sopran schillert rein und legt sich wie Firnis über die anderen Stimmen. Lehmann setzt nachdrücklich auf die Klanglinie, anstatt mit kurzweiligen Effekten auffallen zu wollen.

Einen stilistischen Sprung wagen die Windsbacher mit dem „Miserere mei Deus“ von Vytautis Miskinis (*1954): Bestechende Cluster und atemberaubende Modulationen stellen an den Interpreten hier hohe Ansprüche – der Knabenchor erfüllt sie mühelos und besticht mit einem Diminuendo, das fast schon einem technischen „Fade out“ gleich kommt.

Saubere Bögen in „Zwei der Seraphim“ von Jacobus Gallus und ein stilistisch gefälliger Psalm 22 „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit gelungenen Soli dokumentieren, dass der viel gelobte „Windsbacher Klang“ auch unter Lehmann zu hören ist – schließlich hat dieser sich vor allem Kontinuität auf die Fahnen geschrieben.

Was auffällt ist, dass Lehmann seinen Chor kaum über ein Mezzoforte hinaus singen lässt. Wollte man dem neuen Dirigenten böse, könnte man ihm vorwerfen, die Windsbacher sängen vergleichsweise mit angezogener Handbremse. Aber erstens wird das keiner wollen und zweitens hätte er die Intension des Chorleiters missverstanden: Aus der noblen Zurückhaltung in der Dynamik spricht eher Respekt und Demut. Lehmann ist nicht unsicher, aber er weiß um die Größe des Erbes, das er mit seinem Amt angetreten hat. Und das spiegelt sich sympathisch in der gedimmten Dynamik.

Wenn er zu Beginn also auf den Paukenschlag verzichtet, dann fehlt einem dieser nicht. Im Gegenteil und um im Bild zu bleiben: Statt mit angezogener Handbremse „fährt“ Lehmann überlegt, vorausschauend und angesichts einer in den Männerstimmen dank G8 vergleichsweise geschwächten Besetzung (die in Psalm 32 von Emanuel Vogt dennoch mit schlanker Eleganz überzeugen kann!) geradezu Ressourcen schonend. Auch mit der partiellen Orgelbegleitung hat Lehmann einen klugen Zug getan und zieht seinem Chor einen instrumentalen Boden ein, um ihm mehr Sicherheit zu geben. Das ist keineswegs ehrenrührig, sondern schlicht intelligent.

Hat „der Neue“ mit seinem ersten Auftritt also überzeugt? Abgesehen davon, dass man diese Frage nach einer Stunde kaum ernsthaft beantworten kann, bleibt doch festzuhalten, dass er vielleicht sogar noch mehr geschafft hat: Man ist wirklich neugierig, wie es denn nun weitergehet mit diesem Chor von Weltrang. Und daher wird man wiederkommen – in die Motetten und Konzerte. Denn das, was man an diesem 9. März 2012 in St. Lorenz hören durfte, war nicht viel versprechend, sondern vielversprechend!

In der Region musiziert der Windsbacher Knabenchor im Rahmen des Rheingau-Musik-Festivals am 26. Juli 2012 in der Marktkirche Wiesbaden. Informationen und Karten unter http://www.rheingau-musik-festival.de.

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