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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Jetzt und hier“ statt Angst und Terror

FRANKFURT (17. November 2015). Nach den jüngsten Anschlägen in Paris ist alles anders: Das Fußballländerspiel in Hannover wird kurzfristig abgesagt und auch der Kabarettist Gerd Dudenhöffer, der im Mozart-Saal der Alten Oper seinen Heinz Becker spielen wollte, tritt nicht auf. Es sind nicht die einzigen Veranstaltungen, die ausfallen – aus Respekt vor den Opfern, Angst und Unsicherheit, wie man mit den gegebenen Umständen umgehen soll. Die Kölner A-cappella-Gruppe Wise Guys aber tritt auf.

Als die Sänger die Bühne im Großen Saal der Alten Oper betreten, brandet Applaus auf, doch Daniel Dickopf dimmt die Begeisterung: In Gedenken an die Opfer der Pariser Anschläge stimmt das Quintett eine Coverversion von „Mad World“ der Kollegen von „Tears for fears“ an – eine stimmungsvolle Geste. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, treten die Wise Guys ab und lassen sich und dem Publikum noch einen Augenblick Zeit. Dann jedoch beginnt die Show: „Läuft bei Euch“ heißt das neue Album, das auch der aktuellen Tour ihren Namen gibt.

Der erste Song heißt schlicht „A cappella“ – Glaubensbekenntnis und Liebeserklärung an das eigene Tun: Rund 30 Jahre stehen die smarten Sänger nun schon auf der Bühne. Die Fangemeinde wächst beständig. Und auch die Vokalgruppen, die ohne Instrumente auskommen, werden mehr. Daran haben die Kölner ihren Anteil. Und wenn sie A-cappella als nicht massentauglich besingen, widersprechen ihnen die aktuelle Szene und das Publikum vehement.

Der Abend ist eine gekonnt komponierte Mischung aus alten Schätzchen und brandneuen Songs. Leider schaffen es nicht alle der besten Nummern in die Set-Liste – die peppigen Stimmungslieder wie „Party unter Palmen“ oder „Lass die Sau raus“ sind dem Liveauftritt geschuldet. Dabei hätte man gerne „Die wahren Helden“ gehört, vielleicht mit einer Zusatzstrophe für die vielen ehrenamtlichen Helfer im Flüchtlingsstrom– nächstes Mal vielleicht.

Zeichen setzen die Wise Guys aber auch mit den ausgewählten Titeln: „Gaffen“ greift jene an, die lieber zuschauen als zu helfen, eine ironische „Werbung“ für Alcopops enttarnt die Absichten der Getränkeindustrie und „Selfie“ verspottet exzessives Knipsen. Wie viele „Smombies“, so das erst jüngst gekürte Jugendwort des Jahres, das maßlose Handynutzer beschreibt, im Saal sitzen? So gelingt den Wise Guys ganz nebenbei auch ein kabarettistischer Hakenschlag.

Doch die fünf Freunde, deren Stimmen wie maßgeschneidert zueinanderpassen, können so viel mehr: Da sind gefühlvolle Balladen wie „Wo bist Du?“ oder „Ein Engel“, gekonnte Cover wie Zach Gills „Watch them grow“ und knackige Parodien auf einen unheiligen Aristokraten – als Handwerker kostümiert und wild gestikulierend: „Ich lebe um zu bohren“. Die Wise Guys verteidigen mit jedem Ton ihren guten Ruf: Sie sind Stars, aber eben auch die netten Jungs aus der Nachbarschaft – authentisch und fernab von allem kalkulierenden Marketing.

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