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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zuckmayer und Bach

MAINZ (2. August 2014). Manchmal braucht es gar nicht viel, um einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Wobei: Was heißt hier „gar nicht viel“? Mit dem Cellisten Alexander Hülshoff und dem Schauspieler David Rott traten in der Villa Musica zwei großartige Interpreten von Musik und Text auf, die höchst anspruchsvolle Literatur vortrugen.

Der Künstlerische Leiter der Landesstiftung spielte Partien der Cellosonaten von Johann Sebastian Bach und der Mime lieh dem Autor Carl Zuckmayer seine Stimme, um aus dessen Memoiren „Als wär’s ein Stück von mir: Horen der Freundschaft“ zu lesen – eine programmatisch ergreifende Idee.

Fast auf den Tag genau, am 1. August 1914, hatten sich auf dem Mainzer Schillerplatz unzählige Menschen versammelt und erfuhren von der Mobilmachung – inmitten der Massen der 17-jährige Zuckmayer, der sich wie andere Altersgenossen unbedingt freiwillig für den Fronteinsatz melden wollte. Dabei hatte er noch zwei Tage zuvor der holländischen Zimmerwirtin in der Sommerfrische versichert, er werde keinesfalls in den Krieg ziehen und auf Menschen schießen.

Dieser so kurzfristige Sinneswandel erscheint dem Zuhörer fremd und Zuckmayer selbst wird beim Schreiben seiner Autobiografie darüber den Kopf geschüttelt haben. Das Publikum sieht sich an diesem Abend in das Mainz des Jahres 1914 versetzt. Damals war es nicht die Politik, die den Poeten interessierte: Fast wäre der Oberprimaner vom Rabanus-Maurus-Gymnasium geflogen und war außerdem in Annemarie verliebt – bis man sie in flagranti auf der damals noch eigentlich menschenleeren Ingelheimer Aue ertappte und die junge Bindung strikt löste.

Man erfährt, wie wichtig die Musik im Leben Zuckmayers war, der seinen älteren Bruder Eduard nicht nur ob seines Klavierspiels liebte. Das Instrument des jungen Carl war das Cello und hier erinnert er sich an einen Auftritt des spanischen Solisten Pablo Casals 1913 in Mainz und an dessen Interpretation von Bachs Suiten. Auf jeden Fall konzertierte der Künstler damals mit BWV 1009, der Nr. 3, die Alexander Hülshoff an diesem Abend in Gänze und fraglos brillant spielt.

Bach erklingt auch sonst: Zwischen den Lesungen musiziert der Cellist Sätze aus der G-Dur- und d-moll-Suite sowie das Prélude aus BWV 1012 interpretatorisch stets auf den Inhalt des Zuckmayer-Textes ausgerichtet – mal mit herbem Bogenstrich wie in der Allemande der Nr. 2, mal innig verträumt wie in der Sarabande aus Nr. 1 oder markant mit dramatischer Steigerung wie in Nr. 6.

Statt des direkten Kriegserlebnisses, das dieser Tage verständlicherweise Inhalt unzähliger Essays und Vorträge ist, verweilt Rott lieber im Vorfeld und liest, wie die Brüder Zuckmayer am holländischen Strand das Grauen des Krieges ahnen, wie der Vater sicher ist, dass man den Wahnsinn nicht wagen wird und auf den „Friedenskaiser“ setzt.

Doch alles Hoffen ist umsonst, jeder Vorsatz vom Enthusiasmus der Kriegsbegeisterung wie weggeblasen: Zuckmayer zählt in seinen Memoiren die Namen der Gefallenen auf – und so, wie David Rott es liest, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Da ist Bachs Cellosuite Nr. 3 am Schluss Balsam für die Seele – in diesem Punkt weiß man sich mit dem großen Dichter eines Geistes.

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