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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Alliage Quintett: Barock meets Saxophone

Bach und Vivaldi? Immer doch gerne! Aber mit Saxophon? Im Quartett mit Klavier? Die CD „Masquerade“ des Kölner Alliage Quintetts verwirrt ihre Hörer mit musikalischem Mummenschanz allerhöchster Güte.

Daniel Gauthier (Sopransaxophon), Lutz Koppetsch (Altsaxophon), Koryun Asatryan (Tenorsaxophon) und Sebastian Pottmeier (Saxophon) werden begleitet von Jan Eun Bae (Klavier) und nähern sich dem Altbekannten auf neuem Wege. Und das nicht nur, weil das Saxophon erst Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Vielleicht reizt es daher umso mehr, mit diesem Instrument die Musik des Barock zu spielen? Tonträger mit derart geblasenen „Goldbergvariationen“ von Bach (mit dem Quartett Sax Allemande) oder seinen Sonaten für Cello solo (mit Henk van Twillert) sind äußerst interessante Experimente.

Die „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi nimmt das Alliage Quintett als erstes ins Visier – und zwar in einer Bearbeitung des Japaners Jun Nagao (*1964). Er spürt dem Avantgardisten der verjazzten Klassik im Stile des klassischen Jazz, Jacques Loussier, nach und lässt Frühling, Sommer, Herbst und Winter beschwingt mit allerlei Synkopen und verqueren Harmonien, die die bekannten Themen vital durchkreuzen, verstreichen.

Mal ist es der Klang, mal das Arrangement, das einen verwirrt. Doch dann, wie im melodiösen Largo des Frühlings, lauscht man verträumt dem Alten im neuen Klang. Anderes erinnert an den breiten Sound einer Big Band, die virtuos die Klappen springen lässt. Das Presto des Sommers und das Allegro des Herbstes kommen derart daher.

Ein erfrischend vorwitziges Stilmittel Nagaos ist dabei das ständige Zitieren von bekannten Sequenzen und Themen, die er würzig in den Jahreszeiten versteckt – Weihnachtslieder im winterlichen Largo oder Beethovens Klaviersonaten im Allegro. Und murmelt da nicht auch kurz mal Smetanas „Moldau“ durchs Bild? Diese kleinen Zeichnungen und Skizzen im großen Tongemälde der „Jahreszeiten“ fährt das Alliage Quintett mit liebevollem und klanglich ansprechendem, zuweilen auch durchaus anrührendem Pinselstrich nach.

Was natürlich auch für „Bach pur“ gilt: Air und Menuett aus der Französischen Suite Nr. 2 c-moll (BWV 813), die Gavotte aus Nr. 5 G-Dur (BWV 816), das Choralvorspiel zu „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ (BWV 639) und – natürlich – die Air aus der Orchestersuite Nr. 3 (BWV 1068).

Bachs Musik macht besonders dann Spaß, wenn man sie mit Instrumenten hört, die so gar nichts mit dem Thomaskantor zu tun haben wollen. Doch wenn ein Ensemble diese Kompositionen behutsam und doch gewitzt, eben so, wie es das Alliage Quintett zu tun pflegt, angeht, dann hätte das wahrscheinlich auch dem alten Bach gefallen.

„Masquerade“ wurde eingespielt bei Sony Classical (Nr. 88697352112).

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