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Jan-Geert Wolff

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Neue Wege zu Bachs Markus-Passion?

Johann Sebastian Bachs Passionen des Johannes und Matthäus sind unverrückbar fester Bestandteil des vorösterlichen Konzertgeschehens unserer Tage und Programme aller namhaften Labels. Und doch bleibt die Frage: Was ist mit den Evangelien des Markus und Lukas? Eingespielt sind – rekonstruierte – Vertonungen beider Texte, darunter bemerkenswerte Annäherungsversuche unter den Leitungen von Ton Koopman oder Roy Goodman. Eine weitere „Markus-Passion“ legte jetzt das Ensemble amarcord vor – und geht damit einen neuen, interessanten Weg.

Statt zu versuchen, aus den vorhandenen Fragmenten ein den beiden Schwesterwerken ähnelndes Oratorium zur Seite zu stellen, schlägt die vorliegende Aufnahme des Carus-Verlags eine andere Idee vor: Den Text des Evangeliums liest der Schauspieler Dominique Horwitz und die Arien, die sich mitunter als Parodien von Stücken aus Bachs Trauerode (BWV 198) und der Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ (BWV 54) erwiesen, werden von Clare Wilkinson („Mein Heiland, dich vergess‘ ich nicht“ und „Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen“), Dorothea Wagner („Er kommt, er ist vorhanden“) und Anja Zügner („Welt und Himmel, nehmt zu Ohren“) sowie Wolfram Lattke („Mein Tröster ist nicht mehr bei mir“) anrührend und behutsam ausgesungen.

Diese Solisten komplettieren mit Silvia Janak das für diese Produktion erweiterte Ensemble amarcord – Wolfram Lattke und Frank Ozimek (Tenor) sowie Daniel Knauft und Holger Krause (Bass) – und gestalten einen wichtigen Part dieser „Markus-Passion“: 16 Choräle – mehr als in den Passionen nach Matthäus oder Johannes. Auf Turba-Chöre hingegen verzichtet diese „Markus-Passion“. Sekundiert von der klein besetzten Kölner Akademie gelingt amarcord in dieser Besetzung eine ansprechende Kolorierung des gesprochenen Wortes, die mehr ist als nur Untermalung.

Freilich braucht es ein bisschen, um sich in dieses Konstrukt hineinzuhören. Horwitz könnte seine Partien phasenweise lebendiger und weniger näselnd gestalten, was dem eleganten Anstimmen der besinnlichen Verse zuweilen etwas im Wege steht. Spannung wird daher hauptsächlich durch die introvertierte Musik erzeugt.

Schlank, homogen und transparent spüren die Stimmen gemeinsam mit den Instrumentalisten den textimmanenten Botschaften nach. Die Choräle werden zu kleinen, klingenden Ruhepolen in der Passionsgeschichte und erhalten dadurch, dass sie eben nicht in ein großes Ganzes eingebunden sind, etwas meditativ Eigenständiges. Auch die beiden Chöre zu Beginn und Schluss dieser „Markus-Passion“, die ebenfalls BWV 198 entlehnt sind, lässt Dirigent Michael Alexander Willens im gleichen Gedanken ausmusizieren.

Diese „Markus-Passion“ ist nicht nur deshalb etwas Besonderes: amarcord, eigentlich das Synonym für klaren, ungekünstelten und wunderbaren Ensemble-Gesang, zeigt hier eine wunderbare Fähigkeit, sich in einen gemischten Chorklang einzufinden und diesen mit zum Leuchten zu bringen.

Die vorliegende Einspielung kann und will durch ihre Konzeption keinen Anspruch auf Endgültigkeit erheben. Und doch gilt besonders für sie das, was der Bach-Forscher Christoph Wolff zur Technik der Rekonstruktion anmerkt: „In dem festen Bewusstsein, dass keine Rekonstruktion eines verlorenen Bachschen Werkes gleichzusetzen ist mit dem, was der Komponist selbst tatsächlich einmal geschrieben hat, lohnt es sich dennoch, immer wieder den Versuch zu machen, seine Kompositionen in neuen klanglichen Zusammenhängen und Kontexten zu hören, sich gleichsam von einer neuen Seite an Bach heranzutasten.“ Einen interessanten Beitrag leistet in diesem Sinne auch die „Markus-Passion“ des Ensemble amarcord – nicht mehr, aber bestimmt auch nicht weniger!

Johann Sebastian Bach – Markus-Passion; Carus 83.244; Dominique Horwitz, amarcord, Kölner Akademie, Michael Alexander Willens

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