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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der neue Strunk: Antiheld im Freizeitstress

In seinem neuen Roman „Fleckenteufel“ kleidet sich Strunk in Psyche und Physis von Thorsten Bruhn, einem in pubertären Irrungen und Wirrungen gefangenen 16-Jährigen. Der Mikrokosmos einer evangelischen Gemeindefreizeit ist diesmal der Nährboden für die Geschichten, die Heinz Strunk mit der ihm eigenen Direktheit minutiös schildert.

Dass es dabei auch mal derb zugeht – wer will es einem Teenager verdenken? Da wird sich an Flatulenzen ergötzt, verklebte Phantasie geschildert und in Ermangelung an Landungsbrücken zum weiblichen Geschlecht den Erinnerungen an homoerotische Kindereien nachgehangen. Das „hormonelle Dauerrauschen“, wie es der Klappentext von „Fleckenteufel“ ankündigt, wird zum ständigen Hintergrundgeräusch, ohne dass es zu oft zu peinlich wird.

Dennoch ist der „Fleckenteufel“ kein Abklatsch von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, auch wenn der im „maskulinen“ Himmelblau gehaltene Umschlag des Rowohlt-Verlags das vermuten lässt: ein Marketing-Gag, nichts weiter. Wer allzu ekelhafte Schweinigeleien erwartet, der wird von diesem „Jugendbuch“ enttäuscht sein. Wer nach „Fleisch ist mein Gemüse“ und „Die Zunge Europas“ aber einen weiteren, detailierten Einblick in das Leben eines adoleszenten Antihelden bekommen möchte, nicht.

Man muss Strunks Stil allerdings mögen: Die geschilderte Realität, von der man höchstens ahnen möchte, dass darin genau so viel Autobiographisches steckt wie in „Fleisch ist mein Gemüse“, tröpfelt gewohnt langsam und vermeintlich fade dahin. Das jedoch atemberaubend vital erzählt: Immer gleiches Essen im Ferienheim, die innerliche Hybris des klein gewachsenen Thorsten den noch Schwächeren gegenüber, das pubertäre Spotten über Typen wie den „Salzigen“, einen Kauz, der sein Essen immer überwürzt und die fragilen Freundschaften zu anderen Außenseitern – all dies mag in dem einen oder anderen Zuhörer zartbittere Erinnerungen an die eigene oder beobachtete Adoleszenz mit ihrer Lust und Last wecken. Und vielleicht ja auch das glückliche Gefühl, diese Phase längst hinter sich zu haben.

Zum Schluss des Buches sei nur so viel sei verraten: Der letzte Satz taucht die vorangegangenen 219 Seiten, die sich in einem Rutsch unterhaltsam verschlingen lassen, in ein gänzlich anderes Licht und es erklingt ein Paukenschlag der Reifezeit, der die vielen vorher vernommenen verwirrenden Dissonanzen in strahlendes und wortwörtlich erblühendes Dur taucht…

Heinz Strunk: „Fleckenteufel“, erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3-499-25224-2, 219 Seiten, 12,- Euro

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