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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Entschleunigungsmusik

Manchmal ist es reiner Zufall, dass man auf eine bestimmte Musik stößt: Bei „The River“ mit dem Pianisten Ketil Bjørnstad und dem Cellisten David Darling verhielt es sich so, als sie einem in der Jazz-Abteilung eines CD-Geschäfts auffiel. Zum einen bestach das kühl gestaltete Booklet in Blau und Weiß, zum anderen die für Jazz ungewöhnliche Instrumentierung.

Wo soll man sie auch sonst eingruppieren? Weltmusik? Bjørnstad hat sich nicht nur als Schriftsteller einen Namen gemacht, sondern auch als Jazz-Pianist, der seine eigenen Wege geht und mit seiner Musik wie als Autor eine Geschichte erzählt. „The River“ nimmt den Hörer in zwölf Stücken mit auf eine Klangreise entlang des Thema gebenden Flusses.

Doch so wenig wie man einem Gewässer einen Becher Flüssigkeit entnehmen kann, um zu sagen: „Das ist der Fluss!“, ist es nicht ratsam „The River“ zu teilen; vielmehr ist diese Einspielung ein Gesamtkunstwerk, das nur in einem Stück seine Kraft und Schönheit behält.

Liedhaft, mal murmelnd wie ein Strudel, mal zitternd wie die spannungsgeladene Wasseroberfläche, ruhig dahinfließend, durchaus auch mal drückend wie eine steigende Flut, dann wieder hineintropfend, dabei aber stets tiefgründig malen Bjørnstad und Darling das Bild eines Flusses. Das Thema ist jedoch anders als beispielsweise bei Smetanas „Moldau“ eher ein impressionistisches.

Die Paarung Cello und Klavier mag man eher in der Klassik vermuten – und man wird durch kleine Akzente stets daran erinnert, denn das Duo konzentriert sich vollkommen auf die Harmonien, in denen sich der Zuhörer versenken, verlieren darf. In der Tat ließ sich Bjørnstad beim Schreiben seiner Musik auch von Kompositionen der Renaissance zu „The River“ inspirieren.

Der klare Ton Darlings setzt sich dabei auf den zuweilen sanft, zuweilen kräftigen, stets blutvollen Anschlag Bjørnstads und die Saiten des Violoncellos gehen mit denen des Flügels in allen Lagen eine intime Liaison an. „The Sea“ ist eine Musik, die entdeckt werden will und sich mit mehrmaligem Hören verändert – so wie man niemals in denselben Fluss steigen kann.

The River – Ketil Bjørnstad (Klavier) und David Darling (Violoncello); ECM 1593

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