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Brauchbares Material: Holmqvists „Die Entbehrlichen“

„Die Entbehrlichen“ heißt der jüngste Roman der schwedischen Autorin Ninni Holmqvist, der ein düsteres Zukunftsszenario malt, in dem die Menschen in „Benötigte“ und eben „Entbehrliche“ eingeteilt werden.

Das weckt zu Recht böse Erinnerungen. Doch es ist ja erst mal ganz anders, denn den „Entbehrlichen“ geht es augenscheinlich gut in ihrem Sanatorium, in dem sie auf Kosten des Steuerzahlers ein erquickliches Rentnerdasein führen können – sieht man von den ersten Organspenden einmal ab.

Keine Frage: Das Ganze ist entsetzlich, die nüchterne Berechnung und Klassifizierung menschenverachtend und immer, wenn man das Buch aus der Hand legt, graust es einem vor der Realisierung einer solchen Idee. Doch Holmqvist schildert dieses Grauen nur nach und nach und aus der Sicht ihrer Erzählerin Dorrit Wegner, die sich mit dem Leben in der „Einheit“ arrangieren muss, was ihr anfangs nicht nur in den eigenen Augen gelingt.

Dorrit ist 50, als sie vor ihrem Haus abgeholt und in die „Einheit“ eingewiesen wird. Hier wohnen sie, die „Entbehrlichen“, die sich nicht fortgepflanzt haben, die in der und für die schwedische Gesellschaft der Zukunft als nicht so wertvoll erachtet werden. Und hier leben sie auf den ersten Blick nicht schlecht: Eine eigene Wohnung bietet Rückzugsmöglichkeiten – wenn man sich an die überall angebrachten Überwachungskameras gewöhnt hat. Die Verpflegung in diversen Restaurants und Cafés ist gratis – wofür man auf Alkohol doch problemlos verzichtet. Es gibt eine Bücherei, ein Kino, ein Theater, Boutiquen, Ateliers, ein Schwimmbad mit Sauna – ein Leben wie im Nobelhotel, all inclusive. Und auch die medizinische Versorgung ist gewährleistet – umfassend und kostenlos, doch leider nicht ohne Nebenwirkungen.

Dorrit erzählt das Leben in der „Einheit“, das (ihr) trotz mancher Einschränkungen anfangs gar nicht so unmenschlich erscheint. Ninni Holmqvist verleiht ihrer Protagonistin dazu eine nüchterne, doch kraftvolle Sprache, die den Leser mitten in die schön angelegten Gärten, die immer blühend die Jahreszeiten ausschließen, versetzt: Das Personal ist freundlich und auch die Mitbewohner der „Einheit“ tun alles, um den Neuankömmlingen das Einleben leicht zu machen.

Gewiss: Dorrit vermisst ihren Geliebten von früher und vor allem ihren Hund, denn jeglicher Kontakt zur Außenwelt ist untersagt. Aber sie lebt. Und liebt: Mit dem 17 Jahre älteren Johannes geht sie eine Beziehung ein und wird schwanger! Das Kind aber darf sie nicht behalten: Austragen mit anschließender Adoption oder Transplantation des Fötus sind die Alternativen, zwischen denen sie wählen muss. Und plötzlich bekommen die Wände dieses potemkinschen Dorfes die ersten Risse. Denn kurz, nachdem Dorrit von ihrer Schwangerschaft erfährt, wird Johannes zur „Endspende“ eingeliefert – und, ja: umgebracht. Natürlich, um „benötigtes“ Leben zu retten…

Holmqvists Stil und Sprache fesseln und verhindern so eine allzu schnelle Reflexion. Und während man über die Zeilen fliegt, passiert etwas Schlimmes – wie immer, wenn man eine Sache nur von einer Seite her betrachtet: Zwar führt Dorrit sich selbst und dem Leser immer wieder vor Augen, dass sie eine „Entbehrliche“ ist, aber dort tauchen auch Bilder von armen, einsamen und in ärmlichen Verhältnissen lebenden Menschen auf, denen man das Leben in der „Einheit“ mit blumigen Worten sicherlich schmackhaft machen könnte – vielleicht auch schon heute: Die Bewohner der Einheit spenden ja Organe für junge Mütter und verantwortungsvolle Familienväter, für die „Benötigten“, sind für die Gesellschaft also doch noch „von Nutzen“.

Ninni Holmqvist gelingt es meisterhaft, mit diesen Schilderungen wie aus einem Hochglanzprospekt eines windigen Immobilienmaklers die „dunkle Seite“ im Leser zu kitzeln, denn wie Dorrit ist er hin- und hergerissen, sieht die offensichtlich unbarmherzige Kälte des Systems, bekommt aber immer wieder auch die vermeintlichen Vorteile geschildert.

Ist so etwas überhaupt möglich? Machen wir uns nichts vor: Bedauerlicherweise hat das Unmenschliche, die Trennung in „Entbehrliche“ und „Benötigte“, doch längst Einzug in die ach so modernen Gesellschaften gehalten. Zwar wird noch keinem das Herz herausgerissen – zumindest nicht wortwörtlich; aber im modernen Wirtschaftsleben existieren die parallelen Welten der „Entbehrlichen“ und „Benötigten“ doch schon. Und wenn man als menschliches Ersatzteillager, pardon: Organspender anderen Menschen helfen und es dafür mehr als trocken und warm haben kann – was ist so menschenverachtend daran? Natürlich ist diese Frage äußerst zynisch und steht nicht zur Diskussion – aber wie ein dunkles Mahnmal im Raum.

Der Roman – und das ist eine seiner Stärken – hebt auf keiner Seite den moralischen Zeigefinger. Im Gegenteil: Indem er einem das Für und Wider einer fragwürdigen menschlichen Selektion aus der Sicht einer anfangs urteilsfreien Betroffenen vor Augen führt, stellt er es dem Leser frei, selbst zu richten: über das Erzählte und die eigenen Gedanken darüber…

Medizinische Versuche mit schlimmen Folgen für die Teilnehmer, der allgegenwärtige Tod durch die „Endspende“ und das Kind, das Dorrit unter ihrem Herzen trägt, schieben den plüschigen Vorhang langsam beiseite, zeigen die grausame Berechnung dieser oberflächlich schönen, heilen Welt der „Einheit“ unter ihrer Glaskuppel. Und das Grauen kommt auf leisen Sohlen immer näher. Da erhält Dorrit die Möglichkeit zur Flucht…

Das im Münchner Fahrenheit-Verlag erschienene Buch „Die Entbehrlichen“ (ISBN 978-3-940813-008) ist 269 Seiten stark und kostet 19,90 Euro.

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