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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Nabelschau im Mairegen

14 neue Lieder hat der „Bunte Hund“ wieder geschrieben und sie für sein 25. Studioalbum auf Tonträger gebannt: „Mairegen“ heißt die neue CD von Liedermacher Reinhard Mey. Sie ist ruhiger, introvertierter und intimer als die Vorgängerplatten.

Mey erweist sich auch mit „Mairegen“ wieder als genauer und tiefblickender Beobachter. Gleich der erste Song ist „Antje“ gewidmet, jener Boulettenwenderin in einem Imbiss in der Peripherie – an solchen Orten findet Mey immer noch die schönsten und intensivsten Geschichten, die das Leben schreibt und die er so vertont, dass man aufhorcht.

Hinhören und hinsehen – auch in die eigene Vergangenheit, auf die eigene Gefühle und Empfindungen: Warm geht der „Mairegen“ nieder, wenn sich der Barde an die wirklich wichtigen Momente in (s)einem Leben erinnert. Einem ähnlichen Impetus folgen berührende Lieder an die „Gute Seele“ von Freunden oder Fremden, die Mey bisher begegnet sind oder das Schwelgen in Erinnerungen an seine musikalischen Anfänge mit den „Rotten Radish Skiffle Guys“ im Norden Berlins. Durch den erfrischenden „Mairegen“ glänzt die Patina des Vergangenen hier in leuchtenden Farben.

„Lieder sind meine Chronik“, sagt der Sänger selbst in einer kurzen Randnotiz des Booklets, das ansonsten nur die Lieder für sich sprechen lässt: „Lieder sind meine Tagebucheinträge und die Alben, in denen sich sie sammle. […] Lieder sind mein Leben, meine Arbeit, meine Freude, Anfechtung und Trost. Ich bin dankbar, dass ich schreiben und singen kann.“

Und so hört man den Song „Drachenblut“, der Meys schwerkrankem, im Wachkoma liegenden Sohn Maximilian gewidmet ist, mit den Ohren des Vaters: Keine Anklage, kein Hadern mit einem ungnädigen Gott oder Schicksal, sondern ein liebevolles Lied an einen tatsächlich in weiter Ferne lebenden Menschen. Mey drängt sich hier jedoch nicht auf und anstatt Mitleid zu empfinden möchte man vielmehr mit ihm für das geliebte Kind hoffen.

Es sind solche Lieder, die besonders unmittelbar ansprechen – vielleicht, weil Mey lieber assoziationsreiche, tröstliche Träumereien sprechen lässt, als plakativ zu dichten. Der „Ficus Benjamini“ und sein kümmerliches Sein im Wartezimmer eines Radiologen haben fast schon pantheistische Züge und weiten Meys Liederadressaten nach den Menschen und den Tieren auch auf die Flora aus. Der Ernst hinter diesen Versen bewahrt derartige Gedanken übrigens vor jedweder Lächerlichkeit.

Was dieses Album ebenfalls so hörenswert macht, ist die Sanftheit, denn zornige Lieder fehlen im „Mairegen“. An Deutlichkeit lässt es der Sänger jedoch nie fehlen, wenn er in „Larissas Traum“ den Scheinexekutionen der telegenen Superstar-Suche beiwohnt oder in „Butterbrot“ das Besondere im Einfachen findet.

„Mairegen“, das auch frühere Themen wie das Fliegen oder die Liebe zum aufrichtenden Niederschlag im Titelsong aufgreift, ist ein sehr persönliches Album, das dem Hörer die verletzliche Seite des Barden näherbringt. Behutsam und vertrauensvoll offenbart Mey eigene Ängste in „Spring auf den blanken Stein“, stimmt aber auch zuversichtlich, nicht zuletzt mit dem ergreifenden Liebeslied „Wir sind eins“ oder dem finalen „Was keiner wagt“, in dem der Liedermacher mit Konstantin Wecker Verse des Schriftstellers und katholischen Theologen Lothar Zenetti interpretiert – übrigens ein Lieblingslied seines Sohnes Max…

Reinhard Mey: Mairegen; EMI 50999 6 31771 2 1

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