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Ans Licht geholt

Keine 20 CDs mit Werken von Friedrich Gernsheim (1839-1916) sind aktuell am Markt – die meisten mit Kammermusik. Doch der jüdische Komponist schrieb auch Chorwerke. Sie ans Licht zu holen hat sich der Mannheimer Chor Vox Quadrata zum Ziel gemacht und unter der Leitung von Tristan Meister zwei klavierbegleitete Werke aufgenommen: Hafis op. 56 und das zuvor entstandene Opus 55 „Der Zaubermantel“, dazu vier Volkslieder für Chor a cappella.

Dass man mit derart vergessener Musik heute Zuhörer in ein Konzert locken kann, wenn man sie nicht zusammen mit Bekannterem „serviert“, ist unwahrscheinlich. Umso wichtiger und verdienstvoller ist es, diese Musik zumindest auf CD entdecken zu können und ein Publikum so vielleicht ja neugierig zu machen. Mit Gernsheims Chorballaden und der Qualität der vorliegenden Einspielungen ist dies gut denkbar.

Hafis ist eine Liedersammlung, für die sich der Komponist der ins Deutsche übersetzten 300 Poeme umfassenden Sammlung „Dīwān“ des im 14. Jahrhundert lebenden persischen Dichters Hafis (Mohammed Schemseddin) annahm. Für Opus 56 wählte Gernsheim 17 Texte aus, um sie für verschiedene Besetzungen mit Klavierbegleitung zu vertonen. Man hört Solonummern für Sopran und Bariton, Duette, ein Soloquartett und natürlich den Chor, wobei die Lieder um Wein, Weib und Gesang kreisen.

Alles gelingt lebendig und geradezu plastisch: Der semiprofessionelle Kammerchor Vox Quadrata taucht mit gut austariertem Ensembleklang genauso überzeugend in die Musik ein wie die Solisten Hannah Gries (Sopran) und Johannes Hill (Bariton), im Solistenquartett mit Henriette Basler (Alt) und Maximilian Vogt (Tenor). Vor allem Hill begeistert mit einer gradlinigen Kernigkeit und hoher Stimmbrillanz. Alle Interpreten arbeiten darüber hinaus mit einer anregenden Genauigkeit in der Diktion.

Am Rande sei bemerkt: Im Lied „Weh mir armen Kuttenträger“ ließ sich der Schott-Verlag, der Opus 56 verlegt hat (worauf prominent mit Coverabbildung der Notenausgabe verwiesen wird), übrigens zu einer politisch korrekten Textkorrektur hinreißen: Statt eines „afrikanischen Negers“ wird nun ein rußgeschwärzter Kohlenträger besungen. Man hätte dies zumindest im Booklet erwähnen können als nur mit Sternchen „letzter Vers geändert“ zu vermerken – schließlich will man die Musik ja in ihrem zeitlichen Kontext authentisch abbilden.

Gleichviel: Gernsheims Hafis wird durch die vielschichtige Interpretation zum Erlebnis, an dem auch Andreas Frese als einfühlsamer Liedpianist keinen geringen Anteil hat. Die Chorlieder a cappella fallen in puncto Originalität etwas ab: „Der letzte Tanz“ sowie „Der Liebesbote“ geraten eher zweidimensional, wohingegen „Der alte Schäfer“ und vor allem „Die Sternlein“ mehr hergeben. Doch auch diese vier Stücke sind des Entdeckens wert. Und natürlich die finale Liedballade „Der Zaubermantel“, in der es um echte Liebe und Treue geht: Auch hier goutiert man gerne das geschmackvoll aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Chor, Solisten und Klavier.

Fazit: Gernsheim muss sich nicht verstecken hinter seinen Kollegen Robert Schumann oder Johannes Brahms, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Sein Œuvre ist sehr viel größer als die bisher vorliegenden Einspielungen vermuten lassen und die vorliegende CD weitaus mehr als ein konservierendes Dokument: nämlich eine lohnenswerte Beschäftigung mit romantischer Musik abseits der bekannten Wege, wofür man den Ausführenden gerne Bewunderung wie Dank zollt.

Friedrich Gernsheim: Hafis op. 56 für Chor & Klavier, Der Zaubermantel op. 55 und Werke für Chor a cappella | Vox Quadrata, Hannah Gries (Sopran), Johannes Hill (Bariton), Andreas Frese (Klavier), Tristan Meister (Leitung) | Rondeau Production ROP6231

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