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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Durchtrainierter Klangkörper

„Light and Love“: Das Sonux Ensemble aus 14 Tenören und 17 Bässen, die Streicher des Sirius Quartetts, Saxophonist Stefan Kuchel sowie Chorleiter Hans-Joachim Lustig nehmen die Hörer dieser CD mit in die faszinierende Welt neuer und neuester Vokalmusik für Männerchor.

Chöre gibt es zuhauf und auch A cappella-Gruppen sind schon lange keine Seltenheit mehr. Letztere setzen sich meist aus Männerstimmen zusammen; von geselligen Gesangvereinen trennen sie in der Regel Anspruch, Qualität und Repertoire. Insofern lässt die CD „Light and Love“ des Sonux Ensemble schon einmal per se aufhören: Hier singt keine kleine Formation aus Einzelstimmen, sondern ein bestechend durchtrainierter vokaler Klangkörper mit 31 juvenilen Männerstimmen des Knabenchors Uetersen.

Zugegeben fällt einem nicht zuerst der Name Uetersen ein, denkt man an deutsche Knabenchöre. Diese Männerstimmen haben unter der Leitung von Hans-Joachim Lustig jedoch einen grandios frischen und maskulinen Klang, der einen auch bei bekannteren Mitbewerbern stets staunen lässt: Eigentlich können Jungs in diesem Alter doch noch längst nicht einen so reifen Klang haben!?

Da die Konkurrenz so gut wie immer im Tutti konzertiert, besitzt Uetersen mit dem Sonux Ensemble ein beeindruckendes Alleinstellungsmerkmal, was sich dadurch potenziert, dass „Light and Love“ zum Großteil eigens für diese CD komponierte Chormusik bereithält: Der Tonträger vereint Werke von Tobias Forster, Ola Gjeilo, Gregor Hübner, Paul Mealor, Vytautas Miškinis, Uģis Prauliņš, Alwin Michael Schronen, Aleksandar S. Vujič und Eric Whitacre zu einem faszinierenden Klangkaleidoskop von chorisch überwältigender Qualität.

Das erste Stück ist bereits Programm: Miškinis‘ „Light, my light“ erstrahlt mit obligatem Saxophon perfekt ausbalanciert und intoniert. Das Sonux Ensemble harmoniert nicht nur untereinander, sondern auch mit seinen musikalischen Partnern. Die Diktion ist stets durchhörbar, Sprache ist hier ergreifender Teil der Musik. Äußerst stimmungsvoll gerät „I Saw Eternity“ mit grandiosen Soli, die sich über die sonoren Akkordmodulationen spannen: Aufblühende Cluster, pikante Reibungen und packende Dynamik in der tonalen Auflösung sorgen für wohlige Gänsehaut.

Die einzelnen Kompositionen schöpfen alle Möglichkeiten moderner Tonsetzung aus, wirken jedoch auch für konservative Ohren kaum befremdlich – und wenn, macht das eher neugierig: Klare Harmonien und Melodieführungen herrschen vor und schenken den einzelnen Titeln ihre individuelle Eindringlichkeit.

Der CD-Titel „Light and Love“ ist in der kompositorischen Umsetzung von Text in Musik sowie ihrer liebevollen, homogenen Wiedergabe in schwereloser Transparenz immer spürbar. Das gleichnamige Poem von Charles Anthony Silvestri wird in Stücken von Forster und Schronen dabei gleich zwei Mal Ereignis: Beide Werke zeigen auf jeweils eigene Weise die ergreifenden Möglichkeiten von Musik und insbesondere Gesang, dem geschriebenen Wort zusätzlich Kontur zu verleihen.

Stilistisch geschieht das hier in ergreifend tonaler Polyphonie oder in der farbigen Grauzone zwischen Klassik und Jazz: Weite Bögen werden in Whitacres „Kalá kallá“ aus den „Five Hebrew Love Songs“ von tänzerischer Leichtigkeit abgelöst und in Hübners „Fragmenten aus dem Hohelied des Salomon“ gelingt dem Sonux Ensemble gemeinsam mit dem Sirius Quartett plastisch umgesetzte moderne Programmmusik.

Chorleiter Hans-Joachim Lustig kennt seine Jungs und pflegt mit ihnen zu vielen der vertretenen Komponisten hörbar enge Kontakte: In den vergangenen fünf Jahren hat das Sonux Ensemble zahlreiche der hier eingespielten Werke gemeinsam mit ihren Schöpfern erarbeitet und uraufgeführt. Damit ist „Light and Love“ nicht nur eine Referenzeinspielung in puncto Klangqualität und interpretatorischem Einfühlungsvermögen, sondern auch ein wertvolles Tondokument, das die Lebendigkeit der zeitgenössischen Chormusik wiedergibt. Mehr davon!

Light and Love – New Vocal Works for the Sonux Ensemble (Leitung: Hans-Joachim Lustig; mit dem Sirius Quartett und Stefan Kuchel, Saxophon); Rondeau, ROP 6075

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