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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Geschichte des Pop muss neu geschrieben werden!

Songs zu covern ist eigentlich keine Kunst, denn zumindest bei bekannten Liedern macht der Wiedererkennungswert manch mangelnde Qualität sicher wett. Schwieriger ist es sicherlich, möglichst nahe an das Original zu kommen, etwas von seinem Esprit aufzunehmen und wieder zu geben. Doch was ist, wenn das zu Covernde eigentlich ureigenstes geistiges Gut ist? Wie zum Beispiel im Fall der polnischen Familie Popolski, deren musikalische Qualität man laut Eigenwerbung „eigentlich nur mit den ‚Jackson Five‛, den Brüdern Gibb oder der Musikerfamilie Bach vergleichen kann“…

Die Idee, die sich die Band „The Pops“ um Achim Hagemann, den früheren Sparringspartner von Hape Kerkeling („Hurz!“), hier ausgedacht hat, ist aberwitzig genial und, wie es sich für richtige Polen gehört, wahrscheinlich nach unmäßigem Wodka-Konsum entstanden. Denn anders ist die offenbar unverrückbare Tatsache, dass die Wiege der Popmusik im plattenbebauten polnischen Zabrze steht, nicht zu erklären. Dort entwickelten die Enkel Pawel, Mirek, Janusz und Danusz den Stil, mit dem Dilettanten wie Anastacia oder die Gruppe „Queen“ später Millionen scheffeln sollten.

Wie kam’s? „Eines Tages hörte der windige Gebrauchtwarenhändler Olek Priszcewinski, der in der Nähe einen Fiat Polski ausschlachtete, zufällig eine Melodie. [...] Obwohl musikalisch völlig ungebildet, erkannte er sofort das Potential der Band und beschloss die Gunst der Stunde zu nutzen“, informiert das unterhaltsame Booklet über die Historie. Dem Versprechen einer goldenen Zukunft aufgesessen übergaben ihm die Popolskis nicht nur alle Aufnahmen der Band, sondern auch ihre Rechte daran. Priszcewinski verschwand auf ewig – der Rest ist Geschichte.

Mit der CD „Songs Dobrze“ versucht die Familie Popolski als Band mit dem passenden Namen „The Pops“ jetzt das Rad der Musikgeschichte zurückzudrehen: „Let’s get loud“, „From Sarah with love“ oder „Hit me baby one more time“ sind äußerst hörenswerte Wortmeldungen, die zeigen, wie frevelhaft die vermeintlichen Stars mit dem Liedgut der Popolskis umgegangen sind. So verwandelte Dieter Bohlen den sanften Samba „Win the Race“, der von einer weihnachtlichen Schlittenfahrt durch das schneebedeckte Zabrze handelt, in eine krachende Formel 1-Hymne, während die „Big Brother“-Protagonisten Zladko und Jürgen aus der gefühlvollen Jazzkomposititon „Großer Bruder“ einen dumpfen Bierzeltschlager machten.

„Songs Dobrze“ hingegen stellt gut besetzte die Originale aus der Feder der Popolskis vor, die unter anderem durch Simone Sonnenscheins Stimmgewalt trefflich und ausdrucksstark interpretiert werden.

Mittlerweile sind die Popolskis auch auf Tour und haben jetzt ihre erste Live-CD „Der Popolski-Show – Live aus Zabrze“ herausgebracht. Lieder wie „We will rock you“ oder „Born to be alive“ (allein schon wegen des sonoren und unglaublich tiefen Basses von Andrzej Popolski ist diese CD hörenswert!), die man in- und auswendig zu kennen glaubte, offenbaren eine gänzlich unbekannte Seite, wenn sie zum ersten Mal in der Ursprungsversion erklingen und ihre Entstehungsgeschichte deutlich wird.

Über Ostern 2008 gelang es der Familie Popolski auch, sich in den WDR zu „hacken“, um insgesamt anderthalb Stunden aus der Plattenbausiedlung in Zabrze zu senden. Wie auch auf der Live-CD wurde die gesamte Familiengeschichte unterhaltsam wie – und das ist das erschreckende! – plausibel von Pavel Popolski erzählt.

Mehr über „The Pops“, darunter Video- und Audiosequenzen nebst Handyklingelton gibt es im Internet unter www.the-pops.de.

Die Live-CD ist bei Sony/BMG erschienen und hat die Bestellnummer 9297566.

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