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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der Klang der Stille

Die Stille ist der Gegensatz zum Lauten, zum Laut, auch zur Musik – so schön sie auch klingen mag. Die vorliegende Einspielung des Requiems von Tomás Luis de Victoria aber, mit der auch des 400. Todestags des um 1548 geborenen Komponisten gedacht werden soll, durchbricht diese Grenze: Die Stille nach dieser Musik ist eine geradezu linear empfindbare Weiterführung der vorher gesungenen Bitte um die ewige Ruhe.

De Victorias Requiem ist liturgische Musik, keine konzertante. Anders als die Vertonungen Mozarts oder Verdis bietet es wenig Gelegenheit zu dramatischen Ausbrüchen. Aber gerade diese „Armut“ ist der Reichtum der Aufnahme des KammerChor Saarbrücken unter der Leitung von Georg Grün: Was man hier hört ist eine tiefe Entspanntheit, ein ruhiges Fließen, das einen schon mit dem der Missa pro defunctis vorangestellten Lectio II ad matutinum in seinen Bann schlägt. Die flehende Klage Hiobs ist eindringlich, doch unaufgeregt – wie das folgende Requiem.

Kompositionstechnisch an der franko-flämischen Vokalpolyphonie orientiert hat de Victoria an zahlreichen Stellen gregorianische Elemente eingeflochten, die von den Frauenstimmen des Ensembles an den entscheidenden Stellen mit einer unglaublich reinen Intonation, die man vielleicht am treffendsten mit „kindlicher Unschuld“ beschreiben kann, ausgesungen wird.

Durch solche Kunstgriffe – das homogene Verharren auf den Schlussakkorden ist ein weiterer – schafft Grün ein stetes Fließen, das durch die ansprechende Transparenz des Kammerchors zum klanglichen Erlebnis wird: Allen Stimmen ist eine Leichtigkeit inne, für die der sonore Bass eine passende Grundierung bietet.

Jegliche Theatralik geht der Interpretation Grüns ab: Dieses Requiem ist keine Show mit vordergründiger Effekthascherei, sondern ein in sich ruhendes Glaubensbekenntnis. Die sparsame Dynamik, die oft nur in Nuancen spürbar ist, schlägt sich eher in einem Aufblühen des Klangs nieder. Und das geht unter die Haut: im sphärischen Sanctus etwa oder in der finalen Bitte um das ewige Licht, wenn der Chor die Sentenz „Quia pius es!“ – Denn Du bist gut! – intoniert.

Die mit diesem Tonträger vorgestellte Auffassung von de Victorias Musik ist umso spannender, weil sie ein ganz anderes, introvertiertes Empfinden weckt: Man hört, wie der Chor aufeinander hört, man spürt, wie sich der Chor auf diese Musik einlässt; und man entdeckt gemeinsam die wunderbare Klangwelt dieses großen spanischen Tonsetzers.

Auch in de Victorias drei österlichen Motetten – „O sacrum convivum“, „Vidi speciosam“ und „Surrexit pastor bonus“ –, die die Aufnahme beschließen, greifen der KammerChor Saarbrücken und Georg Grün der Erfüllung ihrer zuvor gesungenen Bitte vor: „Requiem aeternam dona eis“ – „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe“. Eine Ahnung, wie sich diese vielleicht anhören könnte, bekommt man, wenn man diese CD einlegt…

Tomás Luis de Victoria: Requiem – Officium defunctorum; KammerChor Saarbrücken, Leitung: Georg Grün; Rondeau Production ROP6042

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