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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kostbare Geschenke

Mit seiner Einspielung von Motetten William Byrds (ca. 1543-1623) eröffnet das Vienna Vocal Consort fraglos Klangwelten von unergründlicher Schönheit und straft diese Aussage mit jedem Ton, der sich in vollkommener Harmonie zum Ganzen fügt, sogleich Lügen, denn es taucht tief in diese Musik um sie eben zu ergründen.

Das gelingt beispielhaft, weil es hier in erster Linie nicht um die vordergründige Demonstration perfekter Vokalharmonie geht, sondern die Musik spürbar im Mittelpunkt steht. Nicht umsonst hat man dem Tonträger keinen wolkigen Titel, sondern schlicht den Namen des Komponisten gegeben: Byrd.

Der Hörer – ihm sei empfohlen, das heimische Wohnzimmer mittels Lautstärkenregler zur Kathedrale zu erheben – wird in jedem Stück vom Klang umspült, eingenommen und fortgetragen. Byrds Motetten und vor allem die fünfstimmige Messe eröffnen jene innige Frömmigkeit, die im Komponisten brannte und die der gläubige Katholik seinerzeit doch eher im Verborgenen leben musste. Das Booklet informiert darüber, dass „die Messzyklen nicht für repräsentative Aufführungen entstanden, sondern für heimliche Gottesdienste“. In einen solchen fühlt man sich hineinversetzt, wenn die fünf Stimmen des Vienna Vocal Consort ihre Stimmen erheben und die Architektur der gotischen Kirche Maria am Gestade in Wien klanglich abtasten und erfassen. Dort jedoch reagiert eben nicht die Angst vor Verfolgung, sondern die reine Zuversicht, die die Stimmen in jedem Stück vermittelt.

Den Hörer umflutet die zärtlich aufblühende Polyphonie in einer unvergleichlich schönen Schlichtheit, die auch in den beruflichen Biografien der Interpreten liegen mag: Hier hört man zu keinem Zeitpunkt Solisten, die sich auf Kosten der anderen Stimmen – oder, was schlimmer wäre, – der Komposition in den Vordergrund rücken. Vielfalt schlägt sich hier in einer berückenden Einheit, in unbedingter Transparenz und selbstverständlicher Harmonie nieder.

Die unterschiedlichen Berufe, die die Sängerinnen und Sänger des Vienna Vocal Consorts ausüben, mögen das erklären: Elke Pürgstaller (Sopran) ist Lehrerin der italienischen Sprache, Sonja Napetschnig (Alt) Meeresbiologin, Martin Jan Stepanek (Tenor) IT-Journalist, Michael Stelzhammer (Bariton) Landschaftsplaner und Christoph Chlastak (Bass) Architekt. In der Aufnahme der Musik Byrds scheint ein jeder seine Profession talentiert mitzubringen und auszuüben: Die Liebe zur Sprache kommt in einer exakten, niemals aufgesetzt klingenden Diktion der englischen und lateinischen Texte daher, neugierig wandelt man auf den Pfaden der Komposition, untersucht die musikalische Bauart und Logik des Kontrapunktes, taucht hinab in eine wundervolle Klangwelten.

Das Bestechende, die große Kunst dieser Einspielung ist jedoch eben jenes Zurücktreten hinter die Musik, die einen zum intimen Innehalten einlädt. Die Demut der Gebete wird eindringlich und ungekünstelt wiedergegeben, so dass der intime Moment der Kommunikation „zwischen Himmel und Erde“ hier natürlich erlebbares und sinnliches Ereignis wird. Gerade in der Hektik des Alltags sind solche Momente kostbare Geschenke.

Vienna Vocal Consort: Byrd; klanglogo, LC 09320

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