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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ich bin erst recht kein Ohrwurm

Mit dem im Frühjahr erschienenen Album „Zwei Welten“ betraten die Wise Guys ein Stück weit Neuland, denn diese CD war bislang nur die halbe Miete: Im Herbst sollte das Pendant auf den Markt, mit dem die fünf A cappella-Künstler nach eigenen Worten einen lang gehegten Traum realisieren und die meisten Lieder des Albums nochmals mit professioneller Instrumentalisierung einsingen. Das liegt jetzt vor.

Die „andere Hälfte“ von „Zwei Welten“ ist eine glatte Enttäuschung! Mit Bandbegleitung klingen die Wise Guys, als würden sie sich selbst kopieren. Manchmal kann man eben doch nicht für das Aufgewärmte schwärmen – vor allem, wenn das Mahl vom Vortag schon so fade war…

Denn nach „Frei!“ und „Klassenfahrt“ ist „Zwei Welten“ auf den ersten Blick kein Meilenstein in der eigenen Diskographie: zu viel Gute Laune- und Sommerlust-Musik. „Die Sonne scheint mir auf den Bauch“, „Lauter“, „Tanz in den Regen“, „Tief im Süden“ oder „Mein Morgen am Meer“ sind zweifelsohne nette Songs. Doch der gewohnte Tiefgang lässt trotz wie immer perfekter Musikalität doch ein wenig zu wünschen übrig. Zum Lauschen nebenbei oder Untermalung einer langen Autofahrt o.k., aber eben leider nichts zum intensiven Hören: Sie wollen einfach nicht im Ohr bleiben…

Schmerzlich vermisst man auch eine weitere Klassiker-Vertonung: Shakespeares „Hamlet“ oder „Schiller“ im tonalen Gewand von Michael Jacksons „Thriller“ waren ganz große Würfe, so dass man sich fragt, warum auf der aktuellen Scheibe keine Fortsetzung dieser genialen Idee enthält. Bekommt man so etwas wenigstens (oder nur?) in den Konzerten der nächsten Wochen und Monate zu hören? Die obligatorische Liebeserklärung an die Heimatstadt Köln („Ich bin aus Hürth“) hat man doch auch, diesmal gekonnt als Aggro Hip Hop, gepflegt. Dass sich die Wise Guys – notabene auf den Autobahnen unserer Republik unterwegs – dem allgemeinen Bahn-Bashing anschließen, ist zwar ganz witzig, strotzt aber nun mal nicht von besonderer Originalität.

Doch keine Angst – auch wenn es sich bisher so liest und als hätten die Wise Guys mit „Irgendwer wird immer meckern“ schon mal einen Prophylaxe-Song produziert, will diese Besprechung kein Komplett-Verriss sein, denn nach dem zweiten und dritten Durchgang zeigt sich: „Zwei Welten“ ist keine Enttäuschung auf ganzer Linie und einige Lieder haben ihre eigene Qualität: Der Titelsong zum Beispiel dreht sich um die gefühlte Rivalität der Kulturen und Religionen; ließ man sich hier vom Streit um die Errichtung der großen Moschee in Köln inspirieren? Brillant gehen die Jungs hier mit der Thematik um, denn sie vermeiden jedwede Personalisierung.

Die nachdenklicheren Lieder „Ich weiß nicht, was ich will“, „Nach Hause“, „Das war nicht geplant“ oder „Jetzt ist Deine Zeit“ und zwischendurch die launigen Songs „Scheiße Scheiße Scheiße“ oder „Mein Nachbar ist ein Zombie“ haben die gewohnte Wise Guys-Qualität durch gut gemachten Mix aus anspruchsvollen wie witzigen Texten und musikalischer Umsetzung.

Wise Guys: „Zwei Welten“, Polydor/Universal Nr. 0 602527 940373

Wise Guys: „Zwei Welten“ (instrumentiert), Polydor/Universal Nr. B008S8BC6M

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